18 February 2015

Die Taxis von Louis MacNeice


Im ersten Taxi war er allein tra-la,

Nichts extra auf der Uhr. Neun Pence Trinkgeld

Doch der Fahrer, als er dankte, schaute schief

Als hätt sich da einer die Fahrt erschnorrt.


Im zweiten Taxi war er allein tra-la

Aber sechs Pence extra auf der Uhr; das Trinkgeld entsprechend

Und aus dem Schal heraus, der Fahrer: „Passen Sie

Auf nichts hinter tra-la zwischen sich zu lassen.“


Im dritten Taxi war er allein tra-la

Doch die Klappsitze waren unten und es gab was extra

Drauf, anderthalb Shillings, und seltsamen

Duft der eine Cannes-Reise wachrief. 
 

Was das vierte Taxi angeht, war er allein,

Tra-la, als er es anhielt aber der Fahrer

Durchschaute ihn und sagte: „Ich kann wohl tra-la nicht

So viele Leute nehmen, vom Hund nicht zu sprechen.“



(Originaltext: Collected Poems, 2007. Edited by Peter MacDonald. Um 'The Taxis' auf Englisch und unsere Übersetzung dasselbe zu zitieren, berufen wir uns auf §51 UrhG in Deutschland, dass die Verwendung von Zitaten regelt. Die allgemeine Begründung dafür ist, dass Zitate der kulturellen und wissenschaftlichen Weiterentwicklung einer Gesellschaft dienen.)

Übersetzung von Jonis Hartmann und Henry Holland, Februar 2015

Louis MacNeice, 1907-1963: Unsere deutschsprachige Erstübersetzung.



Im Zeitraum 2015-2016 wird unsere deutschsprachige Erstübersetzung von Louis MacNeices Lyrik veröffentlicht. Hier erklären wir warum.

Warum MacNeice?

Der große britische Lyriker Louis MacNeice fristet im deutschsprachigen Raum ein bisher unübersetztes Dasein. Er steht im Schatten der Schriftsteller-Gruppe um Auden, Isherwood, Spender und dem Nachruhm seines Freundes Dylan Thomas. Später, ab den 60er Jahren, stieg Seamus Heaneys Stern, und MacNeice verblieb hierzulande nahezu unbekannt. Vollkommen zu Unrecht, denn wie kaum jemand behauptete sich MacNeice mit einer unverwechselbaren Stimme in der englischsprachigen Lyrikwelt der Zwischenkriegsjahre bis zu seinem vorzeitigen Tod mit nur 56 Jahren im London der frühen 60er Jahre.   

Zielsicheres Gespür für das Undogmatische
 
Im Gegensatz zu Auden, mit dem er eng befreundet war, und vor allen Dingen im Gegensatz zu den charismatischen, aber zugleich oft selbstherrlichen Dichtungen der Modernen wie Yeats, Eliot oder Pound, verlässt sich MacNeice auf sein zielsicheres Gespür für das Undogmatische. Er ist nie Anhänger der rein politischen oder experimentellen Dichtung. Stattdessen entwickelt er eine dokumentarisch, sachliche Poetologie, die das Journalistische neben dem Ästhetischen und das Gesprochene neben dem Lyrischen platziert. Deutlich wird dies im Vergleich mit Audens Behandlung der Atmosphäre vor Ausbruch des 2. Weltkrieges – dessen Gedichte September 1, 1939 und Spain erschienen praktisch zeitgleich mit MacNeice‘ epischem Autumn Journal [1938]. Wo Auden moralisierend und symbolistisch zu Felde zieht und später in seinem berühmten Age of Anxiety religiös bilanzierende Verse dichtet, hält MacNeice mit einem reportageartigen lyrischen Tagebuch dagegen. Eher dem Tonfall seines Landsmannes George Orwell in Mein Katalonien verwandt, hütet sich MacNeice davor, idealistischen Programmen hinterherzulaufen. Er entscheidet sich für eine direkte und zugleich persönlich berührte Auseinandersetzung mit der Stimmung im langen Herbst vor der Katastrophe. Damit schafft er es, dichterisch ein Zeitbild entstehen zu lassen und erlebbar zu machen. 

The Earth Compels, wahrlich

Geboren 1907 im nordirischen Belfast, setzt sich MacNeice früh mit Mythen und Menschen seiner britischen Heimat auseinander. In seinem ersten, sehr erfolgreichen Gedichtband The Earth Compels dichtet er in klarer, rhythmischer Sprache über Belfast, die Hebriden, Zirkus, die Tinker oder Rendezvous einfacher Leute – nicht unähnlich den Dichtungen Bertold Brechts. Weder neoklassisch noch bemüht avantgardistisch widmet MacNeice seine eigene, erdverbundene Stimme den Bildern, kleinen Dramen und Beobachtungen seiner Umgebung. Die chthonische Stimmung verweigert sich jedem Moralisieren, obwohl er mit dem lyrischen Finger in vielen Misthaufen seiner Landsleute stochert und kritisch die allgegenwärtige Armut, den bisweilen aussichtslos scheinenden Kampf gegen Naturgewalten, den Alkohol oder religiöse Heuchelei schildert.

Die Nacht mit Dylan Thomas um die Ohren schlagen

Die Gedichte der Nachkriegszeit entstehen parallel zu denen des mythischen Walisers Dylan Thomas. Obwohl beide unterschiedliche dichterische Positionen  einnehmen, sind sie zeitlebens befreundet. Der „Rimbaud vom Cwmdonkin Drive“ schlägt sich seine letzte Nacht vor der verhängnisvollen Abreise nach New York mit MacNeice in einem Londoner Pub um die Ohren. Wie Thomas arbeitet auch MacNeice für die BBC und schreibt und inszeniert viele bekannte Hörspiele, später zum Teil von William Walton und Benjamin Britten vertont. Letzterer steht für weitere Parallelität zwischen MacNeice und Auden, denn letzterer wiederum schreibt mehrere Libretti für Britten und später für Strawinsky und Henze. Während MacNeice innerhalb Großbritanniens eben nicht zuletzt aufgrund seiner BBC-Arbeiten Bekanntheit genießt, erreicht er jedoch nie das global-populäre Image von Auden oder Thomas, von vielen Übersetzern schon zu Lebzeiten ins Deutsche übertragen. Nur ein einziger Band von MacNeice, Astrologie, eine unbedeutende Auftragsarbeit, wurde übersetzt; 1965 posthum zwei Jahre nach seinem Tod.    

Letzte Äußerungen eines sprachmächtigen Beobachters

Wäre MacNeice als dichterisch verstummter Hörspiel-Autor gestorben – übrigens infolge einer Lungenentzündung, die er sich beim Aufnehmen von Originaltönen in einer feuchten Höhle zuzog, wäre er sicherlich nicht zu dem überragenden Geheimtipp der englischsprachigen Lyrik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert geworden. Was MacNeice allerdings endgültig zu einer singulären Dichterstimme erhoben hat, sich keiner Strömung korrumpierend, sind seine drei letzten Gedichtbände, die kurz vor und nach seinem Tod erscheinen. Besonders in The Burning Perch, wenige Tage nach seiner Grablegung veröffentlicht, befinden sich in klaren, verknappten Versen und zugleich klassisch anmutenden Reim-Einschüben die letzten Äußerungen eines sprachmächtigen Beobachters, die ihn zu einer vor allem von anderen Dichtern geschätzten Persönlichkeit haben werden lassen. Mit Wehmut (Abschied von London), beinahe anarchischem Humor, der an spätere Ideen der Monty Python denken lässt (Die Taxis) oder surrealen Bildern von Busfahrten (Charon), webt MacNeice eine kraftvolle Lyrik ohne Allüren, die besonders auf den irischen späteren Nobelpreisträger Seamus Heaney großen Einfluss ausgeübt hat. 

Der missing link zwischen Yeats und Heaney

Auch wenn MacNeice seine größten dichterischen Erfolge zu

Lebzeiten lange vor seinem frühen Tod hat, gilt es besonders im 

deutschsprachigen Raum, ihn als den missing link zwischen Yeats und 

Heaney zu entdecken. Als einen großen Dichter, der erdige Themen 

und distanziert-kritische Haltung mit Ironie vorgetragen, dem 

Erratischen oder Pompösen der Auden-Generation und Dylan 

Thomas nicht nur entgegensetzen, sondern langfristig etablieren 

konnte. Als einen Dichter, der über eine eigenständige Position die 

lyrische Sprache einer sich ihrer Wurzeln bewussten Nation 

mitbestimmt hat und es durch seine Nachfolger weiterhin tut. Als 

einen Dichter, der es geschafft hat, Sympathien in seinen Lesern für 

sich als Person zu wecken, weil er mit ihnen gemeinsam von der 

Straße aus humorvoll die Elfenbeintürme der Dichterkollegen 

bestaunt – und weil er das ohne Häme, Neid oder Missgunst tut. 

Darum MacNeice.
 
Übersetzerische Überlegungen

Die Zeichensetzung in unserer Übersetzung haben wir nach poetologischen Gesichtspunkten vorgenommen. Bei unseren Entscheidungen im Bereich der Interpunktion haben wir Wert auf die visuelle Dimension der Lyrik gelegt. Wir haben uns entschieden, einige englische Substantive im Original zu erhalten und kursiv zu übernehmen. Sie sind praktisch nicht übersetzbar und spielen dieselbe phonetisch-atmosphärische Rolle wie Orts- oder Personennamen. Sie sollten daher nicht verändert werden. Für die Anordnung der ausgewählten Gedichte haben wir auf chronologische Abfolgen verzichtet. Die zehn Gedichte sollen repräsentativ für den Stil, die Themen und die Vielfalt von Louis MacNeice stehen. Für den entstandenen Ritt durch seine poetischen Sphären wählen wir ein Motto des Dichters selbst Snow entnommen: incorrigibly plural – unbelehrbar mehrzahl.

Übersetzungen folgen

In den nächsten Posts, folgen Beispiele unserer Übersetzung, zweisprachig dargestellt. Diesbezüglich berufen wir uns auf §51 UrhG in Deutschland, dass die Verwendung von Zitaten regelt. Die allgemeine Begründung dafür ist, dass Zitate der kulturellen und wissenschaftlichen Weiterentwicklung einer Gesellschaft dienen.

 
Jonis Hartmann und Henry Holland, Februar 2015

05 September 2014

Rilke's Blue Hydrangea, in the William Gass translation and my own

I wanted to present my own translation of Rilke's Blue Hydrangea / Blaue Hortensie side by side with Rilke's original and William Gass's, not to cast doubt on Gass's work, but rather to question the dominance of the Michael Hofmann canon of 20th century German Poems (2005) and their translators, in which Gass's translation appears. Rilke's reception in the English speaking world has spawned to such proportions that there's many a mini ~ and a fair share maxi ~ careers to me made in translating and writing about him. I belong, on the other hand, to the much larger group who will probably never make a cent from their Rilke translations: and it's a relief for me to no longer want to. Many of these translations can stand tall when set against the Hofmann canon. Let us see more examples in blogs, in magazines and in print of them doing so.

BLAUE HORTENSIE                                                 BLUE HYDRANGEA (Holland)                                                  BLUE HYDRANGEA (Gass)

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln                    So like that last bit green in artists' paint-pots                 Like the green that cakes in a pot of paint
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh                   are these here leaves, dry and coarse and raw                    these leaves are dry, dull and rough
hinter den Blüttendolden, die ein Blau                        behind the flowers' umbels, whose blueness                      behind this billow of blooms whose blue
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln                isn't from the petals but's reflected from afar.                is not their own but reflected from far away

Sie spiegeln es verweint und ungenau,                          Reflected inexact and washed with tears                          in a mirror dimmed by tears and vague,
als wollten sie es wiederum verlieren,                        as if it wants to lose it in its turn,                           as if it wished them to disappear again
und wie in alten blauen Briefpapieren                         and like in writing paper, old and blue,                         the way, in old blue writing paper
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;                           violet is in them, and grey and yellow too.                       yellow show, then violet and gray;

Verwaschnes wie an einer Kinderschürze                 Washed out as if from out a child's apron                   a washed-out color as in children's clothes
Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschiet:       with which nothing more will happen, no longer worn:        which, no longer worn, no more can happen to:
wie füllt man eines kleinen Lebens Kürze.                    how we feel the shortness of one small life.                    how it makes you feel a small life's brevity.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen                    But suddenly the blue seems to renew                    But suddenly the blue shines quite renewed
in einer von den Dolden, und man sieht                     itself among the umbels, and then you see                    within one cluster, and we can see
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.                     a touching blueness cheer before the green.                a touching blue rejoice before the green.

Gass's translation was published in  Michael Hofmann (editor). The Faber Book of 20th Century German Poems. London: Faber and Faber, 2005. 6.

In citing Gass's translation in full, I refer to the stipulations regarding citation in German copyright law. Gass actually chooses to divide his poem into an 8-line opening stanza and a 6-line closing stanza, a way of presenting sonnets which has strong precedent. I've changed Gass's two stanzas into four stanzas ~ but have not altered his line-breaks, or anything else in his poem ~ to make it easier for the reader to compare it to my own, or Rilke's original, which presents this sonnet in two opening stanzas of four lines and two concluding stanzas of three lines, as I have done above.
Readers should query all translations, and if any reader wants to know more about my word choices in this translation, they can look at one of my earlier blog posts. Laying out translations side by side might change the consciousness of translators and readers: when reading and/or translating a single poem, the translation is no stand alone exhibit but rather a single patch in the mammoth quilt of Rilke translation, stitched away at since the early 1900s.

06 June 2014

Uwe Tellkamp, Rosa Luxemburg and Peter Rühmkorf: would you go to that party?

I finally got round to collating the translations I've been doing over the last three years, the work already published and what is forthcoming. Looking back on them, the writers I've translated appear to me like guests invited to a rather odd party, where people often don't know what to say to each other, but where the guests are still determined to linger. Long after courtesy has called to say that it is time that they were fetching their coats.

Here's the list:
* A sample translation, commissioned by Suhrkamp, from Uwe Tellkamp's award winning novel The Tower. My translation can be read at the Suhrkamp website, here. This is the scene where the young doctors from different wards of an early 1980s East German hospital are fiercely competing for the Socialist Challenge Cup: Who's got the best Christmas tree? Dressed in Father Christmas outfits, they break into The Party's private plantation, at dead of night, where each tree is hung with the name of a leading city functionary, and nick one of the finest evergreens.

 Interestingly, it is only since Suhrkamp published this sample translation at the start of 2012 that they've gone on to sell English world rights digital for this book to Frisch & Co., and to sell English world rights print to Penguin Press, both sales happening a full five years after the novel was published, and after the rights had already been sold for all other major world languages.


* A translation of Michael Buselmeier, German novelist and poet. My translation of an excerpt of his novel The Fall of Heidelberg was published in the magazine No Man's Land, edited by Isabel Fargo Cole, Katy Derbyshire and Cathrine Hales, in 2013. Full text plus me reading an audio version of the translation are available in the online edition of the magazine, here.

28 May 2014

Maßvoll ist das nicht: Der 17. Juni 1953 und die LINKE


Ob die überhaupt in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird ist eine andere Frage, dass diese Menschengruppe tätig sind ist eine Tatsache: In August 2007, zwei Monaten nach Entstehung der Linkspartei, hat diese Partei eine Historische Kommission gebildet. Die Historische Kommission (HK) arbeitet heute noch auf Grundlage von einem Beschluss des Parteivorstands der damaligen PDS aus dem Jahr 2001. Aus 27 Mitglieder insgesamt gibt es vier weibliche Mitglieder.

Ich stehe die Linkspartei nah, vor allem wegen ihrer Gerechtigkeitspolitik und ihrer Bekämpfung von Waffenexporten, bin aber kein aktives Mitglied. Eine tiefer gehende, offene Gesprächskultur, über die Vergangenheit aller Mitglieder der Partei, fehlt es mir, gänzlich. Ich hatte gehofft, dass die HK neuer Arten von Gesprächen in der Partei ermöglichen könnte. Neue Stellungnahmen zu wichtigen historischen Ereignisse könnten zu neuen Beziehungen mit der Vergangenheit führen: Hatte ich mir gewünscht. In der Stellungnahme vom Sprecherrat der H.K. 'Der 17. Juni 1953 im Bannkreis politischer Interessen' (veröffentlicht Mai 2013) wird diesen Aufklärungsauftrag nicht vollbracht.